Pflanzen in Kästen

03: Marias Kupferstück

Diese Geschichte geht auf die Berechnung des britischen Philosophen und Ökonomen Richard Price aus dem Jahre 1772 zurück und ist allgemein unter dem Namen „Josephspfennig“ bekannt. Da ich sie neu berechnet habe und anders erzählen möchte, habe ich mir erlaubt, sie umzubenennen. In diesem Gedankenexperiment müssen wir annehmen, unsere Währung hätte über 2000 Jahre überdauert, damit wir uns nicht mit hypothetischen Wechselkursen historischer Devisen auseinander setzen müssen. Die Geschichte geht so:

Im Jahre Null unserer Zeitrechnung eröffnet Maria, die Mutter Jesu, für ihren Sohn bei der Filiale der römischen Bank in Nazareth ein Sparbuch und legt ein Kupferstück (d.h. einen Euro-Cent) an. In diesen Zeiten kann sie einen Zinssatz von 5% vereinbaren.


Ende 2019 finden ihre Nachfahren dieses Sparbuch und lassen die Zinsen nachtragen. Die berechnete Summe sprengt jede Vorstellungskraft. Sie entspricht 250 Billionen Erdkugeln aus purem Gold.

Diese Geschichte führt zu mehreren erstaunlichen Erkenntnissen:

1.  Unser Gehirn kann mit Exponentialfunktionen nicht umgehen – vgl. auch meinen biologischen Exkurs in „Basics 02: Du bist bereits reich“.

2. Unser Geldsystem weist einen grundsätzlichen Konstruktionsmangel auf, der mit der endlichen Natur unseres Planeten unvereinbar ist.

3. Wir können uns den Zinseszins-Effekt zu Nutze machen. Kleine Beträge können wahre Wunder bewirken, wenn wir gute Anlagen finden und etwas Zeit mitbringen.

Diese Geschichte hat bei mir dazu geführt, dass ich jeden Euro nun nicht mehr als kleines Metallstück wahrnehme sondern als exponentiellen Graphen.

Im vorherigen Blogartikel bin ich aus meiner räumlichen Wahrnehmungsblase ausgestiegen, nun füge ich eine zeitliche Dimension hinzu: Bei meiner Konsumentscheidung für diesen einen Euro, den ich gerade in der Hand halte, sehe ich eine Dynamik in Zeit und Raum, an welcher ich seinen Wert messe. In ein paar Jahren hat er sich verdoppelt, im Rentenalter hat er sich vervierfacht. Wenn ich ihn meinen Kindern vererbe, hat er sich bereits verzehnfacht.

Ich betrachte mein Geld als ein dynamisches Ökosystem in Zeit und Raum. Ich stelle es unter Naturschutz, hege es und pflege es. Ich beute es nicht aus, sondern bewirtschafte es nachhaltig. Ich schone die Bodenschätze und pflege die zarten Pflänzchen. Die großen Bäume werden nicht abgeholzt. Stattdessen ernte ich die Früchte und konsumiere alles, was regenerativ ist.

In diesem Geld-Ökosystem kann ich luxuriös leben.

Natürlich gebe ich den Euro, von dem wir oben sprachen, letzten Endes aus, denn der ausgegebene Euro bereichert mein Leben mit Annehmlichkeiten!

…nur… Der Euro, den ich ausgebe, ist kein frisch verdienter Euro! Er hat sich bereits einmal verdoppelt. Er wurde also ausgegeben, ist aber trotzdem noch da. In ein paar Jahren gebe ich ihn nochmal aus – und er ist immer noch da!

Indem ich zwischen Geldeingang und Geldausgang nicht einen Monat (wie die „Drops-Lutscher“ aus „Basics 01: Einführung“) sondern ein paar Jahre lege, kann ich jeden verdienten Euro dreimal ausgeben. Und auch danach ist er noch da!

In diesem Sinne. Alles Liebe, Andreas